Der Künstler

Leonhard  Sandrock

Als „eins der stärksten und hoffnungsvollsten Talente der Berliner Malerzunft" würdigt 1912 der namhafte Schriftsteller und Kunstkritiker Max Osborn den Maler Leonhard Sandrock. „Er steht vor uns", so Osborn, „als ein Künstler von fest umrissener Eigenart, der sich aus reifer Anschauung eine besondere Welt geschaffen hat, und der doch, unaufhörlich an sich arbeitend, von dem lebendigen Strom der vorwärtstreibenden Entwicklung getragen wird."

Hinweise darauf, welcher Art diese „besondere Welt" des Leonhard Sandrock gewesen sein könnte, bietet in erster Linie das umfangreiche Werk des Malers. Die wenigen biographischen Anhaltspunkte, die vor allem zeitgenössischen Berichten entstammen, geben nur ein unvollständiges Bild seines Lebens.

Als Sohn des Pastors Leonhard Sandrock und dessen Frau Luise Charlotte Henriette, geb. Alker, wird der nach seinem Vater benannte Künstler am 5. März 1867 in Neumarkt (Schlesien), dem heutigen polnischen Sroda Slaska, geboren. Trotz seiner schon frühzeitig entwickelten Vorliebe für das Zeichnen und Malen entscheidet er sich für den Militärdienst und tritt 1887 in die preußische Armee ein. Dort bleibt Sandrock sieben Jahre – zuletzt als Oberleutnant des Feldartillerie-Regiments in Verden-, bis 1894 ein Sturz vom Pferd zur Dienstuntauglichkeit führt. Da er sich auch während der Militärzeit weiterhin als Zeichner und Illustrator hervorgetan hat, erscheint es folgerichtig, dass Leonhard Sandrock nun die Malerei zu seinem Beruf macht. Mit 27 Jahren siedelt er nach Berlin über und tritt als Schüler in das Atelier des Landschafts- und Marinemalers Hermann Eschke (1823-1900) ein, „um seine angeborene Begabung in schulmäßige Zucht zu nehmen".

Beeinflußt durch seinen Lehrer widmet er sich intensiv der maritimen Thematik, die ihn in jene, von Max Osborn als ‚besonders' charakterisierte Welt führt, „die er in unablässigem Ringen in sich eroberte und nun beherrscht: die Welt des Meeres und der Häfen, der Werften und Docks, des Wassers und der Schiffe, der Arbeit und der Maschinen."

1898 wird Leonhard Sandrock Mitglied des Vereins Berliner Künstler (VBK) und beteiligt sich regelmäßig an der alljährlich stattfindenden Großen Berliner Kunst-Ausstellung. Insofern bieten auch Ausstellungskataloge Anhaltspunkte zum Leben des Malers, als einige der Bildtitel Rückschlüsse auf verschiedene Reisen zulassen, die dieser unternommen hat. Während des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts führten sie ihn beispielsweise ins holländische Zaandam (1900) sowie nach Hamburg (1901), Cuxhaven (1902), Emden (1904), Genua (1906), Nieuport (1907), Flensburg (1909) und Danzig (1910). „Nachweislich ist er 1917 in Galizien (Chodorow) und 1929 auf Malta." Eine der Städte, die den Künstler motivisch offensichtlich stark inspirierten, ist die Hansestadt Hamburg: „29 Gemälde, Aquarelle und Graphiken sind dem Hamburger Hafen direkt zuzuordnen, von den übrigen Hafenbildern sind wahrscheinlich eine ganze Anzahl in Hamburg entstanden."

Seinen Lebensmittelpunkt scheint der Maler in Berlin gehabt zu haben – jener Stadt, in der er seit 1894 bis zu seinem Tod im Jahr 1945 lebte und deren künstlerisches Klima in stark beeinflusste. Seit 1871 Reichshauptstadt, wurde Berlin zunehmend von der Industrie geprägt – ein Aspekt, der sich auch in der Motivwahl Sandrocks widerspiegelt. Vor allem in den 1890er Jahren stärkte die Stadt überdies ihre Position als Kunstmetropole. Zu den bedeutenden Persönlichkeiten, die in entscheidender Weise das damalige künstlerische Klima in Berlin mitbestimmten, gehörten die Maler Anton von Werner (1843-1915) und Max Liebermann (1847-1935). Als ein von Kaiserhaus geschätzter Künstler, der zugleich Vorsitzender des VBK und Direktor der Akademie war, verfügte Anton von Werner über großen Einfluß. Diesen machte er nicht zuletzt in einem der folgenreichsten Konflikte des ausgehenden 19. Jahrhunderts geltend, der 1892 – also zwei Jahre vor Sandrocks Übersiedlung nach Berlin – um eine Ausstellung des norwegischen Malers Edvard Munch (1863-1944) entbrannte. Auf Betreiben konservativer Kräfte, deren wichtigster Sprecher Anton von Werner war, wurde Munchs Ausstellung bereits sieben Tage nach der Eröffnung „aus Hochachtung vor Kunst und ehrlichem künstlerischem Streben" wieder geschlossen. Aus Protest gründeten daraufhin mehrere junge Künstler die Gruppe „XI", aus der 1898 die Berliner Secession hervorging. Nach Max Liebermann, der zum Präsidenten der Secession gewählt wurde, sollte diesem dem zeitgenössischen Kunstschaffen ein freies, demokratisches Forum bieten, in dem sich neue Talente unterschiedlichster Prägung präsentieren konnten.

Da es eines solchen Forum bedurfte, bestätigt Osborn Charakterisierung der Berliner Ausstellungssituation zur Zeit der Jahrhundertwende im Rahmen seiner Würdigung Leonhard Sandrocks: „Wer in den letzten Jahren das Kunstlabyrinth des Berliner Glaspalastes am Lehrter Bahnhof im Schweiße seines Angesichtes durchwanderte, begegnete in dem weitgestreckten Heerlager der Gleichgültigkeiten, Langweiligkeiten, Harmlosigkeiten und Schrecknisse, die hier die Majorität bilden (…), immer wieder einem Maler, der durch seine frische und persönliche Art fesselte und eigentlich gar nicht hierher zu gehören schien." Gemeint ist Leonhard Sandrock.

Wie bereits erwähnt, zählt dieser zu den Mitgliedern des VBK sowie einiger anderer Künstlervereinigungen. Nach Dorothy von Hülsen, der ein ausführlicher Katalog von Leonhard Sandrock mit vorläufigem Werkverzeichnis (Stand: 1. Januar 1994) zu verdanken ist, ist eine entsprechende „Anhäufung von Mitgliedschaften (…) symptomatisch für die Unsicherheit vieler Künstler angesichts einer zunehmenden Vielfalt der Stile um die Jahrhundertwende."

Sandrocks Welt gliedert sich in zwei große Themenkomplexe, deren Spektrum jeweils breit gefasst ist: Marinebilder und Industriedarstellungen. Seine maritimen Motive umfassenden Hagen-, Schiffs- und reine Meerdarstellungen und geben Ausdruck von der starken Affinität des Malers zur Welt der Werften und Häfen sowie zu Schiffen im allgemeinen. Obgleich vermutlich selbst nie zur See gefahren, lässt Sandrock in den Darstellungen der Dampfer, Schlepper, Schuten, Barken und Segelschiffe ein umfassendes nautisches Wissen erkennen. Ein Bild wie „Hafen von Genua" dokumentiert anschaulich seine künstlerischen Qualitäten. Der scheinbar zufällig gewählte Ausschnitt mit starken motivischen Überschneidungen an allen vier Bildseiten zeigt eine klar gegliederte Komposition, die von der Vertikalen und Horizontalen der beiden Schiffe im Bildmittelgrund dominiert wird. Eine tiefenräumliche Staffelung erreicht der Maler sowohl durch den Anschnitt der Motive und die Überschneidungen als auch die Aufhellung der Farbpalette und das Verschwimmen der Konturierungen zum Hindergrund hin.

Leonhard Sandrock steht in der Tradition der impressionistischen Freilichtmalerei, die die Natur als eine farbige Erscheinung begriff und das Gegenständliche in eine gemeinsame Lichtatmosphäre einzubinden suchte. Die Modernität des Impressionismus liegt weniger an den Sujets, als vielmehr an der neuartigen, fragmentarischen und momenthaften Sichtweise. Gleich den Impressionisten gilt Sandrocks Interesse den Lichtphänomenen, dem optischen Eindruck von Licht- und Schattenreflexen sowie dem Gegeneinander und Ineinander verschiedener Farben und Farbwerte. Dies bestätigt auch der zweite große Werkkomplex, bei dem es sich im wesentlichen um Industrieinterieurs in Stahlwerken sowie Industrielandschaften der Großstadt handelt.

Wachsendes Interesse für technische und industrielle Vorgänge führt bei Sandrock zu einer thematischen Neuorientierung, die er selbst mit folgenden Worten beschreibt: „Ich begann, mich den Seeleuten bei der Arbeit zuzuwenden, den Hochseefischern, den Lotsen und den Schleppern, die den Großsegler elbaufwärts führten (… dann waren es) die Werften mit den Schiffen auf den Helgen (…). Und über die Werften hinweg bin ich allmählich in die Industrie hineingeraten und bis zu den Hüttenwerken, Hochöfen, Stahlwerken und Kohlezechen meiner schlesischen Heimat und des Ruhrgebietes gelangt."

Um 1919/20 erhält Sandrock den Auftrag, in Stahlwerken Schlesiens und Westfalens zu malen. Seine Industrieinterieurs zeigen die industrielle Produktion sowie einzelne Arbeitsabläufe in Verbindung mit dem tätigen Menschen. „Die Hell-Dunkel-Kontraste durch Feuer und glühenden Stahl, das diffuse Licht durch Dampf und Staub müssen einen impressionistisch orientierten Maler wie Sandrock fasziniert haben." Deutlich wird dies in der Darstellung „An der Schmiedeagraffe", die einen rotglühenden Stahlrohling unter dem Schmiedehammer zeigt.

Im vorläufigen Werkverzeichnis sind 35 Stahlwerk-Darstellungen in Öl aufgeführt, die zumeist kleineren Formates sind. Die handliche Größe von etwa 33 x 27 cm sowie die geringe Anzahl der (erhaltenen) Zeichnungen zu diesem Themenkomplex lässt vermuten, dass der Maler vor Ort direkt in Öl gearbeitet hat und keine Vorstudien anfertigte.

Die Bilder zeigen typische Vorgänge in Stahlwerken wie beispielsweise die Anlieferung des Koks für die Befeuerungsanlagen, die Bereitstellung der Gussformen (Kokillen) oder auch die Bearbeitung eines Schmiedestückes. Wir sehen Walzstraßen, Hochöfen, elektrische Krananlagen ebenso wie die sogenannte „Thomasbirne" und andere Konverterarten, d.h. kippbare Schmelzöfen mit feuerfester Auskleidung, für die Stahlherstellungen.




Lokomotive mit Güterwaggons verlässt den Bahnhof





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